Dienstag, 27. April 2021

Im Osten viel Neues - Stadtteilzentrum Ost nun komplett

Als einer von fünf Stadtteilen wird Delitzsch-Südost von den Einheimischen nur kurz „Osten“ genannt. Im „Osten“ – so war zumindest lange die Sichtweise der Delitzscherinnen und Delitzscher – stehen viele Altneubauten, dort wohnen nur alte Leute und viel los sei da auch nicht. Im Osten nichts Neues?

Schärfen wir mal den Blick und schauen genauer hin.

Altersstruktur und Ausblick (alle Angaben Dez. 2020)

Insgesamt leben im Stadtteil Südost, also zwischen Dübener Straße, Eisenbahnstraße, Bahnlinie und Umgehungsstraße rund 3.730 Menschen. Am Jahresende 2020 sind rund 1.350 Personen 65 Jahre und älter, sie bilden die größte Bevölkerungsgruppe im Osten. 1.090 Menschen sind zwischen 45 und 64 Jahre alt, 26 bis 44 Jahre alt sind rund 690 Menschen, rund 170 Personen sind zwischen 19 und 25 Jahre alt, 18 Jahre und jünger sind 434 Menschen.

Aufgrund des hohen Altersdurchschnitts sei zwischen 2018 bis 2038 mit einem Bevölkerungsrückgang von mehr als 20 Prozent zu rechnen, so die Aussage im Städtebaulichen Entwicklungskonzept der Stadt Delitzsch (2018).

Grundsätzlich ist zwar zwischen eine 2018 und 2020 schon eine leicht abnehmende Tendenz der Gesamtbevölkerungszahl zu erkennen. Auffällig ist jedoch die Zunahme in der Gruppe der 19- bis 25-Jährigen – von 132 auf 168 Personen. Der größte Rückgang während dieses kurzen Zeitintervalls ist in der Gruppe der 45- bis 64-Jährigen zu verzeichnen – von 1.143 Menschen auf 1.090 Menschen.

Gleichzeitig stellt sich beispielsweise in den Mietwohnungen der Wohnungsgesellschaft der Stadt Delitzsch im Stadtteil Ost folgendes konträres Bild dar. Rund 55 Prozent sind jünger als 59 Jahre, 45 Prozent sind zwischen 60 und 93 Jahren alt.

Die Gruppe der Unter-40-Jährigen liegt mit rund 24,5 Prozent am WGD-Gesamtmietvolumen im Osten deutlich über derselben Altersgruppe im Stadtteil Nord, wo sie nur rund 18 Prozent ausmacht.

Entwicklung der Wohnbebauung

Mit sogenannten „Altneubauten“, also Wohnblöcken aus den 1950er Jahren entlang der Beerendorfer Straße, teilweise repräsentativen Häusern aber auch Gewerbeobjekten entlang der Bahnlinie aus der Zeit der um 1900, zahlreichen Siedlungshäusern für eine und für mehrere Familien aus den späten 1930er und den 1940er Jahren teilweise fast mit Gartenstadtcharakter, Einfamilienhäusern in Plattenbauweise und präganten Faltdächern aus den 1980er Jahren und inzwischen vielfältig gestalteten Neubauten am Stadtwald stellt sich die Bebauung in Südost rein architektonisch als sehr heterogen dar.

Gleichwohl ist anhand der Straßenzüge immer die geplante Stadterweiterung Richtung Osten erkennbar, die sich reißbrettartig nachvollziehen lässt:

Als Folge der Industrialisierung entstand auf der gegenüberliegenden Gleisseite des heute stadtmittig gelegenen Bahnhofs ein hauptsächlich gewerblich genutzter Bereich.

An diesen östlich anschließend erfolgten vor 1900 die Anlage des großen städtischen Friedhofes und schließlich nach der großen Wohnungsnot in der Zeit des Nationalsozialismus die Siedlungsbebauung.

Da für die Braunkohlegewinnung etliche Dörfer in der Umgebung weichen mussten, fanden deren Familien Heimat in neu errichteten Wohnblöcken mit Satteldach. Da ganze Straßenzüge komplett in Hauseingänge umzogen, fand auch eine gemeinsame Altersentwicklung statt – ein Grund für das sich nach der Wende abzeichnende Image des Stadtteils als überaltertes Viertel.

Den städtebaulichen Abschluss bilden zumindest im Südosten hunderte Kleingärten für die Wohnblock-Mietparteien.

Neues Zentrum

Mit der Grundschule Ost und der Konsum-Verkaufsstelle bestand im „Osten“ schon zu DDR-Zeiten ein hoch frequentierter Treffpunkt. Erweitert um Krippe und Kindergarten „Freundschaft“ sowie die Disko „Drushba“ war im Bereich Beerendorfer, Johannes-R-.Becher- und Friedrich-Engels-Straße von früh bis nachts etwas los.

Nach der Wende veränderte sich das etwas. Schule und Kita sowie der Konsum blieben bestehen, sie waren verlässliche Größen für die Stadtteilgesellschaft. Die Disko „Drushba“ ging jedoch zu Grunde, das Gebäude eines eröffneten und nach wenigen Jahren geschlossenen Teppichkaufhauses wurde erst zum Asia-Markt und verfiel dann zusehends. Ein zweiter Einkaufsmarkt wechselte mehrfach den Namen und stand schließlich auch leer. Zudem zogen Post- und Sparkassenfiliale unter enormem öffentlichem Protest von dannen.

Vor einigen Jahren dann die Wende. Neben der Grundschule war 2011 bereits eine moderne Sporthalle für rund 2,4 Millionen Euro entstanden, die alte Halle hatte der örtliche Judoverein ehrenamtlich übernommen und saniert.

Aufgrund der hohen Kinderzahlen reichten die Hortplätze in der Kita „Freundschaft“ nicht mehr aus und neben der Grundschule entstand bis 2018 ein zusätzliches modernes Hortgebäude mit sehr hellen und großzügigen Räumen. Dieser Neubau kostete rund 1,8 Millionen Euro, davon waren rund 470.000 Euro Fördermittel aus der Richtlinie Investkraft ("Brücken in die Zukunft").

Alle Fotos: Christian Maurer

Inzwischen hatte sich auch für den alten Einkaufsmarkt in der Johannes-R.-Becher-Straße ein neuer Mieter gefunden – das Sanitätshaus Alippi mit Zusatzangeboten in Rehatechnik und Orthopädietechnik zog ein. Auch direkt gegenüber fand sich nach vielen Jahren eine Lösung. Ein privater Investor ließ das ehemalige Teppichkaufhaus abreißen und errichtete das sogenannte „Beerendorfer Palais" mit über 40 altersgerechten Wohnungen, von denen sogar einige noch frei sind. Während die Außenanlagen am Wohn-Gewerbe-Komplex nach dem langen Winter derzeit noch in der Fertigstellung sind, haben inzwischen schon eine Bäckereifiliale, eine Physiotherapie als Neugründung und eine Hauspraxis im Beerendorfer Palais ihre neue Heimat gefunden.



In unmittelbarer Nähe am Ende der Johannes-R.-Becher-Straße liegt der seit Jahrzehnten beliebte Kindergarten „Freundschaft“. Mit dem großen Freigelände und direkt an die prämierte Kleingartenanlage Delitzsch-Ost anschließend, bietet der inzwischen umfassend sanierte Bau Platz für 246 Kinder, davon 31 in der Krippe, 80 im Kindergarten, 135 im Hort sowie fünf Integrativkinder.

Kürzlich hat die Konsumgenossenschaft Leipzig eG den anfangs erwähnten traditionsreichen Supermarkt-Standort Beerendorfer Straße durch eine Sanierung für eine halbe Million Euro aufgewertet. Der Markt mit erweitertem Angebot wurde vor einer Woche eröffnet.

Ausblick

Indes gehen die Bauarbeiten und Entwicklungspläne im Delitzscher Osten weiter. Aktuell errichtet der Abwasserzweckverband Delitzsch den Ersatzneubau des Mischwasserkanals in der Dübener Straße. Die umfangreiche Maßnahme wird bis Ende Juli 2021 dauern.

Als Teil des Stadtumbaugebietes „Delitzsch-Ost“ sollen Artur-Becker-Oberschule und Turnhalle neugebaut oder saniert werden. Für die Stadt Delitzsch wird es ein finanzieller Kraftakt im zweistelligen Millionenbereich, dessen Umsetzung einer jahrelangen Vorplanung bedarf.

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